Gendern und Barrierefreiheit – Möglichkeiten (Teil 2)

Neutrale Formulierung oder Sonderzeichen? Doppelpunkt, Stern oder Unterstrich? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, geschlechterneutral zu formulieren. Im zweiten Teil meiner Betrachtung von Barrierefreiheit und Gendern geht es um diese Varianten. Denn dass der Doppelpunkt im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten grundsätzlich barrierefrei ist, stimmt leider nicht.

Hast Du den ersten Teil zur Vereinbarkeit der beiden Themen schon gelesen oder gehört? Dort geht es um die schwierige Vereinbarkeit dieser beiden wichtigen Anliegen. Mein Fazit:

Gendern ist nicht barrierefrei – es nicht zu tun, aber auch nicht!

Die Barrieren durch Gendern sind unterschiedlich

Je nach gewählter Variante sind die neu entstehenden Barrieren unterschiedlich. Im Folgenden zeige ich Dir, wie vielfältig die Thematik ist. Die Aufzählung ist sicher nicht abschließend, bietet aber dennoch einen umfassenden Überblick. Ich betrachte grundsätzlich nur jene Varianten, die nicht-binäre Menschen mit einschließen. Da mit Binnen-I, Schrägstrich oder Doppelnennung nur Männer und Frauen angesprochen werden, entfallen diese.

Nutzung neutraler Begriffe wie Mensch oder Person

Diese Variante, in der zum Beispiel von Menschen im Rollstuhl gesprochen wird, birgt sicherlich noch die wenigsten Barrieren. Auch für Einfache oder Leichte Sprache kann diese Möglichkeit in einigen Fällen funktionieren. Die Einsatzmöglichkeiten sind jedoch begrenzt. Wenn auf einen Relativsatz zurückgegriffen werden muss, wird der Satz länger und schwerer zu verstehen. Beispiele dafür sind:

  • Personen, die einen Screenreader nutzen, …
  • Alle, die diesen Text lesen, …

Neutrale Formulierung mit Substantivierungen

Die beiden vorangegangenen Beispiele könnten als Screenreader-Nutzende und Lesende kürzer gefasst werden. Trotz der Kürze funktionieren diese in Einfacher oder Leichter Sprache dennoch nicht. Das grundlegende Verständnis solcher Formulierungen kann für einige Menschen mit Lernschwierigkeiten erschwert oder gar unmöglich werden.

Verwendung von Sonderzeichen

Weit verbreitet ist mittlerweile die Nutzung von Sonderzeichen zur geschlechtergerechten Ansprache. Einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber gibt es aktuell noch nicht, die drei häufigsten Varianten sind:

  • Nutzer:innen mit Doppelpunkt
  • Leser*innen mit Stern
  • Hörer_innen mit Unterstrich

Alle drei Zeichen verlängern das Wort. Von einigen Autist_innen habe ich die Rückmeldung erhalten, dass durch diese Verlängerung das Wort nicht mehr erfasst werden kann. Dadurch stockt der Lesefluss oder stoppt sogar gänzlich. Prinzipiell können Sonderzeichen insbesondere für neurodiverse Menschen eine Barriere sein.

Für die Verwendung in Einfacher oder Leichter Sprache sind Sonderzeichen nicht geeignet. Wenn sie zu Beginn eines Textes erklärt werden, können sie unter Umständen dennoch eingesetzt werden. Einen Beispieltext dafür bietet Raketen-Wissenschaften unter der Creative-Commons-Lizenz zur Weiternutzung an. Darin steht unter Anderem:

Aber Lehrer und Lehrerinnen ist sehr lang.
Deshalb schreiben wir es kürzer.

Wir schreiben:
Die Lehrer*innen haben sich gefreut.

Wir schreiben Lehrer*innen mit einem Stern.

Raketen-Wissenschaft: https://raketen-wissenschaft.de/

Problematisch können Sonderzeichen auch bei der Verwendung künstlicher Sprachausgaben sein. Im Sinne der Barrierefeiheit stehen da zunächst blinde und sehbehinderte Menschen im Fokus, die einen Screenreader zur Wiedergabe von Text nutzen. Doch auch Assistenzsysteme wie Alexa oder Siri können durch die Aussprache der Sonderzeichen schlechter verstanden werden.

Stern und Unterstrich

In punkto Barrierefreiheit besteht kein großer Unterschied zwischen Stern und Unterstrich. Bei beiden gibt es ein Verständnisproblem, wenn das Zeichen ausgesprochen wird:

  • LeserSTERNCHENinnen
  • HörerUNTERSTRICHinnen

Grundsätzlich kann das, entweder von Herstellenden oder Nutzenden, im Zweifelsfall angepasst werden. Sobald in einem Text zum Beispiel die Konstruktion *innen auftaucht, wird sie wunschgemäß mit einer kurzen Pause statt Sternchen vorgelesen. In aktuelleren Software-Versionen wird das zum Teil bereits gemacht.

Ein genereller Verzicht auf das Vorlesen solcher Zeichen ist jedoch nicht möglich. Egal ob Doppelpunkt, Stern oder Unterstrich: alle werden auch in anderen Kontexten genutzt und müssen dort korrekt wiedergegeben werden.

  • Stern: Multiplikations-Zeichen in der Mathematik oder Platzhalter für eine Anmerkung
  • Unterstrich: Teil von E-Mail-Adressen oder Account-Namen

Sonderfall Doppelpunkt

Fälschlicherweise wird der Doppelpunkt oft als barrierefreie Ideal-Lösung präsentiert. Hintergrund ist die Annahme, dass lediglich der Doppelpunkt von Screenreadern als die Pause gelesen wird, die auch beim gesprochenen Gendern gesetzt wird. In der Realität ist die Pause aber deutlich länger. Die Verbindung der beiden Wortbestandteile, also dem Stamm und der Endung -innen, geht dadurch verloren. Eine Verkürzung dieser Pause durch Änderung der Programmierung ist nicht zielführend, da der Doppelpunkt an anderen Stellen als genau diese lange Pause benötigt wird.

Viele Menschen nutzen den Doppelpunkt, weil er sich nahtlos ins Schriftbild einfügt. Das ist für andere wiederum eine Barriere. Während bei Stern und Unterstrich die Endung -innen sichtbar abgetrennt wird, verschwimmt sie beim Doppelpunkt mit dem Stamm. Je nach Schriftart ist dieser Effekt stärker oder schwächer, führt aber immer zum selben Problem. Die Endung ist also solche nicht erkennbar und das Wort wird in einem Rutsch gelesen – Leser:innen werden zu Leserinnen, also weiblichen Lesenden. Die Sichtbarkeit für alle ordnet sich hier also dem Komfort für einige unter.

Du kannst durch Gendern Barrieren abbauen

Die gute Nachricht zuerst: egal wie Du genderst, Du baust damit Barrieren ab. Jeder Satz ohne eine generisch maskuline oder binäre Ansprache ist eine Barriere weniger.

Die schlechte Nachricht ist, dass Du beim konsequenten Gendern wahrscheinlich neue Barrieren errichtest.

Ein Patentrezept gibt es bisher nicht. Wenn eines gefunden werden sollte, werde ich es natürlich sofort mit Dir teilen. Bis dahin bleibt das Ganze eine Abwägungsfrage. Vielleicht helfen Dir folgende Fragen:

  • Mit wem spreche ich?
  • Kenne ich individuelle Barrieren der Person(en)?
  • Wie kann ich darauf Rücksicht nehmen?

Rücksichtnahme kann bedeuten, dass zum Beispiel bei Vorträgen die geschlechtergerechte Sprache zunächst kurz erklärt wird. Es kann aber auch heißen, dass im Sinne der barrierefreien Verständlichkeit aufs Gendern verzichtet wird.

Wie mache ich es?

Im täglichen Sprachgebrauch gehe ich exakt so wie in diesem Beitrag vor:

  1. Neutrale Begriffe
  2. Substantivierungen
  3. Unterstrich oder Stern

Sooft es geht, arbeite ich mit den Worten Mensch und Person. Wenn dabei komplizierte Formulierungen entstehen, weiche ich auf Substantivierungen aus. Sollte auch das nicht möglich sein, nutze ich Unterstrich oder Stern. Aktuell bevorzuge ich den Unterstrich, verwende ab und zu aber auch den Stern. Eine definitive Festlegung ist aus meiner Sicht aber auch nicht notwendig, sofern innerhalb eines Textes durchgängig dasselbe Zeichen genutzt wird.

Den Doppelpunkt verwende ich nicht mehr. Er ist nicht besser geeignet als Stern oder Unterstrich. Viel mehr überwiegen aus Sicht der Barrierefreiheit die Gründe gegen die Nutzung. Und auch von einigen nicht-binären Menschen habe ich mittlerweile gehört, dass sie den Doppelpunkt nicht als repräsentativ ansehen. Es gibt mit Stern und Unterstrich zwei akzeptierte und weit verbreitete Sonderzeichen. Beide bringen unterschiedliche Probleme mit sich, die zukünftig aber hoffentlich behoben werden können.

Wie baust Du Barrieren ab?

Erzähl mir gern, wie Du beim Gendern vorgehst. Wie hast Du es bisher gemacht? Machst Du es aufgrund der Informationen in diesem Blogartikel in Zukunft anders? Kommentiere einfach direkt hier unten auf der Seite und lass uns ins Gespräch kommen.


Disclaimer: Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Betroffenen auf beiden Seiten. Ich sprach mit nicht-binären Menschen, Screenreader-Nutzenden und anderen, für die entweder Gendern oder Nicht-Gendern eine Barriere darstellt. Einige Artikel zum Thema, die von Betroffenen verfasst wurden, habe ich im Adventskalender 2020 verlinkt.

2 Gedanken zu „Gendern und Barrierefreiheit – Möglichkeiten (Teil 2)“

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