Zeit wird mehr, wenn man sie teilt

Was paradox klingen mag, hat sich im vergangenen Jahr für mich bewahrheitet. Seit September 2019 habe ich mehr Zeit – nicht trotz sondern wegen des Wiedereinstiegs ins Arbeitsleben nach der Elternzeit. Damit begann meine Teilzeit-Geschichte, die ich im Rahmen von Melanie Belitzas Blog-Parade mit Euch teilen möchte.

Mein Weg wird sich von dem unterscheiden, den ich als Kind und Jugendlicher im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis als die Norm kennen lernte. So viel war spätestens in dem Moment klar, als ich mich nach dem Abitur für ein AuPair-Jahr in Frankreich entschied. Mit Studium fast in Regelstudienzeit, Studentenjob und nahtlosem Übergang ins Berufsleben folgte anschließend allerdings eine fast schon mustergültige Ausbildungszeit nach der bekannten Norm.

Rein in die Vollzeit – und wieder raus

Doch schon im ersten „richtigen“ Berufsjahr merkte ich, dass der eingeschlagene Weg nicht meiner ist. Das Einkommen war sicher, die Perspektive erkennbar und die Eltern stolz – doch passte mein Leben nicht annähernd in die wenigen Stunden, die abseits einer 40-Stunden-Woche zur Verfügung standen. Neben all den schönen Dingen ließen sich auch lästige Termine, von denen ich als Mensch mit chronischen Erkrankungen regelmäßig einige habe, nicht wirklich geschmeidig mit vorgeschriebenen Arbeitszeiten vereinbaren.

Der Auslöser für eine Veränderung war die Nachricht, dass ich im Frühjahr 2019 Vater werden würde. Das zwang mich glücklicherweise dazu, meine Prioritäten zu sortieren und Entscheidungen zu treffen. Anlässlich des Vatertags habe ich im Mai davon berichtet.

Mir war von Anfang an klar, dass ich nach der Elternzeit nur in Teilzeit wieder arbeiten gehen würde. Wenn ich ohne Kind bereits das Gefühl hatte, keine Zeit mehr für andere Dinge als Arbeit zu haben, wie sollte es dann erst als Vater sein? Eine tiefe Bindung zwischen Kind und Elternteil lässt sich nicht nur am Wochenende oder in wenigen Stunden nach Feierabend aufbauen.

Dieser Idealvorstellung steht natürlich die wichtigste Frage gegenüber: reicht dann das Geld noch?

„Wie viel brauchst Du?“

In der Elternzeit fiel die Entscheidung, die sichere Stelle entgegen einiger Widerstände aufzugeben. Der Schritt war nicht leicht, da eine Kündigung aus der Elternzeit heraus zugleich auch bedeutet, den gesetzlich zugesicherten Kündigungsschutz aufzuheben.

In den Verhandlungen mit meinem neuen Arbeitgeber wollte er nicht wissen, wie viel ich verdienen möchte, sondern wieviel ich brauche. Aber wieviel ist das? Wieviel braucht man wirklich? So viel, um die einzig drängende Frage wie folgt zu beantworten:

So viel, dass es reicht.

Auf dieser Antwort als Fundament fußt meine Teilzeitanstellung. Ich arbeite so viel, dass es in einem guten Verhältnis zum restlichen Leben steht. Und ich erhalte im Gegenzug ein Gehalt, das für die Finanzierung des restlichen Lebens reicht.

Meine Eltern haben vermutlich recht wenn sie sagen, dass ich so doch kein eigenes Haus finanzieren kann. Aber darum geht es im jetzigen Lebensabschnitt auch gar nicht. Es geht darum, Zeit mit meinem Kind und meiner Familie zu verbringen; Zeit für Hobbies und mir wichtige Dinge zu haben; Zeit zum Vertreiben zu haben.

Das ist in meinen Augen der enorme Gewinn von Teilzeit: mehr der ohnehin begrenzten Lebenszeit für andere Dinge nutzen zu können. Indem man seine Arbeitszeit teilt, erhält man in Summe mehr Zeit.

Einen großen Teil des Gewinns durch den Wechsel in die Teilzeitanstellung kann ich jetzt in mein Herzensprojekt investieren: die eigene Selbständigkeit. Endlich tue ich das, was ich von ganzem Herzen liebe: Ich sorge dafür, dass Menschen ihr eigenes Zuhause nicht aufgrund von Alter, Krankheit oder Behinderung verlassen müssen.

Eine Selbständigkeit birgt Risiken. Ein Leben mit Autoimmunerkrankungen birgt Unwägbarkeiten. Das Leben an sich ist nicht vorhersehbar. Aber im Hinterkopf habe ich durch die Teilzeitstelle die Gewissheit, dass es reicht.


Schreibt auch Ihr Eure eigene Teilzeit-Geschichte? Erzählt mir davon: per E-Mail an kontakt@martin-schienbein.de, auf Twitter oder über Instagram.