Barrierefreiheit dort ansprechen, wo sie fehlt

So müssen sich Moderierende von Talkshows fühlen. Dieser Gedanke kam mir, als ich den Titel meines kurzerhand angesetzten Talks vor mir sah: „Barrierefreiheit – Ermöglichen digitale Angebote mehr Teilhabe?“ So könnte auch eine Gesprächsrunde bei Anne Will oder Frank Plasberg im Ersten betitelt werden.

Wenn eine Talkshow mit diesem Titel im Fernsehen laufen würde, wären mindestens zwei Dinge schon vorab klar:

  • niemand lässt die anderen Personen ausreden und
  • Betroffene, die wirklich etwas zu sagen hätten, wurden nicht eingeladen.

Zumindest der zweite Punkt war auch in meiner kleinen Talkshow abzusehen. Denn der Talk fand auf der Plattform Dive statt. Diese wird von einem Berliner StartUp entwickelt und funktioniert im Grunde so wie das bekanntere Clubhouse. Dass es dort nicht wirklich gut um die Barrierefreiheit bestellt ist, habe ich schon einmal anhand eines physisch gebauten Hauses beschrieben.

Über Barrierefreiheit reden – in einer nicht barrierefreien App?

Als ich den Talk auf Twitter bewarb, kam daher berechtigte Kritik. Isabell hat es auf den Punkt gebracht:

Das ist genau der Punkt: Wieso werden in 2021 immer noch große Gruppen von Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe kategorisch ausgeschlossen? Wieso wird Barrierefreiheit als Voraussetzung für Inklusion immer noch wissentlich ignoriert? Denn dass App-Entwickelnde heutzutage noch nie etwas von Accessibility gehört haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Dive und Clubhouse haben etwas Grundlegendes gemein. Es sind beides Apps, die bewusst auf Exklusivität ausgerichtet sind. Unbewusst wird das dadurch verstärkt, dass sie nicht barrierefrei sind.

Ist es also zynisch, in exklusiven Apps über Inklusion zu sprechen?

Ja, definitiv!

Die Frage im Titel meiner kleinen Will-Plasberg-Talkshow ließe sich daher in einem Satz beantworten: Nein, denn solange statt analoger jetzt digitale Barrieren errichtet oder in Kauf genommen werden, ermöglichen digitale Angebote nicht mehr Teilhabe. Aber seien wir mal ehrlich: Es ist bei solchen Talkshows doch immer so, dass man die Antwort vorher schon kennt.

Mein Hintergedanke bei diesem Talk war es, direkt auf einer solchen Plattform auf die fehlende Barrierefreiheit hinzuweisen. In vorherigen Talks hatte ich festgestellt, dass alle User_innen begeistert waren, niemand aber Barrierefreiheit erwähnt hat. Ich war also zugegebenermaßen nicht daran interessiert, eine Antwort auf meine Titel-Frage zu bekommen.

Ich wollte für das Thema sensibilisieren. Und zwar genau dort, wo Barrierefreiheit fehlt.

Ich wollte mit dem Hammer auf den Tisch hauen und sagen: „Toll, dass Euch diese App gefällt! Aber sie ist nicht barrierefrei. Das ist rückständiger Mist. Ich bin raus, ciao!“ Danach ein dramatischer Abgang, knallende Türen, ratlose Gesichter bei Teilnehmenden und Publikum.

Aber ich bin nunmal nicht Frank Plasberg.

Es kam ganz anders als gedacht. Ich war nicht Gastgeber einer Fernseh-Talkshow, in der sich Menschen fast an die Gurgel springen. Stattdessen war ich Teil eines produktiven Austauschs, in dem alle Teilnehmenden ein gemeinsames Ziel hatten: Barrierefreiheit.

Ein Teilnehmer war Dmytro. Er ist einer der Gründer von Dive. Ich spreche hier nämlich nicht von der App eines großen amerikanischen Konzerns, sondern von der Neuentwicklung eines Berliner StartUps. Zwischen unseren Büros liegen gerade mal 10 Kilometer, wir sind quasi Nachbarn.

Und Dmytro hörte zu. Er nahm die Kritikpunkte auf, ordnete sie aber auch gleich ein. Barrierefreiheit in Form von Transkripten ist nämlich für die nahe Zukunf fest eingeplant. Es ist nur noch nicht dran. Denn die App ist mitten im Entstehen.

Er hat dabei auch das Bild aufgegriffen, das ich in Bezug auf Clubhouse angeführt habe. Es ist nicht so, dass das Haus bereits fertig ist und nachträglich barrierefrei gemacht werden soll. Viel mehr ist das Haus namens Dive von Grund auf barrierefrei geplant. Der Aufzug ist im Plan also schon eingezeichnet, er ist nur noch nicht eingebaut. Die Umsetzung folgt später.

Was auf den ersten Blick falsch erscheint, kann genau richtig sein.

Es macht eben doch Sinn, auch an nicht barrierefreien Orten über Barrierefreiheit zu sprechen.
Oder vielleicht auch gerade dort?

Es gibt den Grundsatz „nicht über, sondern mit Betroffenen reden“. Denn nur mit Betroffenen kann man Lösungen für Betroffene finden. Doch damit das geschehen kann, müssen die richtigen Leute für das Thema sensibilisiert werden.

In diesem Talk waren keine Betroffenen anwesend. Aber ich konnte erreichen, dass in Zukunft Betroffene gehört und aktiv eingebunden werden. Und wenn Du mich kennst weißt Du, dass ich dran bleiben werde 😉

Wo sollte Barrierefreiheit noch angesprochen werden? Sag es mir direkt hier unten im Kommentarfeld!


Ich erhalte für diesen Beitrag kein Geld oder andere Bezahlung von Dive. Der angesprochene Talk sowie die weiteren Erfahrungen auf und mit der App haben mich einfach überzeugt. Dieser Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder.

4 Gedanken zu „Barrierefreiheit dort ansprechen, wo sie fehlt“

  1. Starker Beitrag! Und ich glaube auch jeder Schritt der Sichtbarkeit schafft, ist ein Schritt in die richtige Richtung.
    Manchmal müssen Wege bereitet und Begegnung geschaffen werden damit alle gehört, gesehen oder wahrgenommen werden können.

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    • Vielen Dank liebe Sonja!
      So sehe ich das auch. Und hier kommt auch wieder die Verantwortung für alle Nicht-Betroffenen ins Spiel: Wer nicht von Barrieren behindert wird, kann direkt mit dem Abbau beginnen 💪

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  2. Hallo Martin,
    als Nicht-Betroffene habe und nehme ich auch immer noch viele dieser Barrieren nicht wahr. Ich fange gerade erst an mich damit zu beschäftigten und bin allen dankbar, die hierzu kostenlose Aufklärungsarbeit leisten.
    Viele Grüße Jenny

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