Johanna über Barrieren in der beruflichen Eingliederung

Mit Johanna habe ich mich über unklare Zuständigkeiten und ausufernde Bürokratie in der Arbeitswelt von Menschen mit Behinderung unterhalten. Wir besprachen, warum Anerkennung gesund hält und wie die Herausforderung gelingen kann, inklusives Berufsleben zu gestalten.

Die Person hinter Johanna möchte anonym bleiben, um sowohl die Menschen mit denen sie arbeitet, als auch sich selbst zu schützen.


Vom Reiten zur beruflichen Rehabilitation

Martin: Liebe Johanna, schön Dich hier im Interview zu haben. Die Lesenden und ich fragen uns: Wer bist Du, was beschäftigt Dich im Moment, was macht Dich aus?

Johanna: Ja, was macht mich aus? Also ich bin Johanna und seit drei Jahren in der beruflichen Rehabilitation beschäftigt. Der Zugang hat auch einen persönlichen Hintergrund, dieses Thema Arbeitsleben spielt in meiner Biografie einfach eine wichtige Rolle. Das ist ein Bereich, der für mich eine Herzensangelegenheit ist. Eine Möglichkeit, Anerkennung zu generieren.

Abgesehen vom Beruf bin ich Reiterin.

M: Mit eigenem Pferd?

J: Ne, mit Reitbeteiligung und wir dürfen jetzt auch endlich wieder zum Stall. Also privat spielen Pferde eine große Rolle. Das ist für mich auch ein sozialer Raum, wir sind eine kleine feine Stallgemeinschaft – übrigens auch inklusiv! Ansonsten ist für mich gutes Essen noch sehr wichtig.

M: Selbst gekocht oder bekocht?

J: Ich koche selbst ganz gerne, gehe aber auch gern Essen oder bestelle was leckeres. Nebenher mache ich auch noch Musik… Über das, was mich ausmacht, habe ich tatsächlich auch im Vorfeld schon ein bisschen überlegt und auch mit Freunden gesprochen: Ich werde von außen als ziemlich hilfsbereiter Mensch wahrgenommen und jemand, dem es gut gelingt wertschätzend unterwegs zu sein. Auch wenn es ein bisschen schwierig ist, das so zu sagen, ist das wirklich etwas, das mich auszeichnet. Ich bin sehr zugewandt und gehe offen auf Menschen zu. Die müssen gar nicht viel machen, damit ich sie erst mal so nehme wie sie sind und anerkenne.

M: Das ist definitiv eine wichtige Eigenschaft, die für Deinen Beruf sicher sehr hilfreich ist. Du hast gemeint, dass der Einstieg in die berufliche Rehabilitation auch über Deine eigene Berufsentwicklung kam. Was kann ich mir darunter vorstellen?

J: Also zum einen habe ich sehr sehr lange studiert, weil ich selbst zwischendurch eine Krise hatte. Dadurch brauchte ich einfach eine Pause und habe da schon erfahren, wie es ist, wenn man nicht leistungsfähig ist. Also dass man ausgeschlossen wird, sich wertlos fühlt, weil man einfach nicht in der Lage ist, mitzuhalten.

Zum anderen habe ich während des Studiums ein Praxissemester bei einem Reitstall gemacht. Dort gibt es Plätze für Menschen mit Behinderung in Form von betriebs-integrierten Arbeitsplätzen. Diese Plätze gehören formal zu einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, sind aber im Betriebsumfeld des regulären Arbeitsmarktes angeordnet. Dort habe ich eigentlich angefangen, weil ich mich für den Bereich des heilpädagogischen Reitens interessiert habe. Ich habe dann aber festgestellt, wie viel Freude es mir macht, mit den Leuten dort zusammen zu arbeiten.

M: Ging dein Studium auch in die Richtung oder hast Du eigentlich was ganz anderes studiert?

J: Nein nein, ich bin Diplom-Pädagogin. Ich habe Pädagogik studiert, also das passt schon. Ich wollte zwischendurch mal Pferdewirtin werden, habe auch eigentlich ein naturwissenschaftliches Studium angefangen, das war aber dank Mathe, Chemie und Physik ein sehr kurzer Ausflug. Also es deckt schon den pädagogischen Bereich ab.

M: Und dann bist Du direkt reingesprungen und hast festgestellt, das macht mir Spaß und ist etwas, das mich langfristig antreiben kann?

J: Ja genau.

M: Und wie hast  Du dann die Anknüpfung an Deine jetzige Stelle gefunden? Hast Du dich auf eine offene Stelle beworben oder bist einfach irgendwo hingegangen?

J: Nach dem Studium war ich erstmal arbeitslos für ein paar Monate. Ich habe mich dann auf verschiedene Stellen beworben und bin bei einem kleinen Bildungsträger gelandet. Also falls jemand sich in dem Bereich nicht auskennt: Bildungsträger machen Maßnahmen für die Agentur für Arbeit und das Jobcenter, also zum Beispiel berufsvorbereitende Maßnahmen.

M: Und da bist du nach wie vor?

J: Nein, leider nicht. Den Bildungsträger gibt es nicht mehr. Die Maßnahme der unterstützten Beschäftigung, in der ich gearbeitet habe, wurde in einer Bietergemeinschaft mit einem anderen Bildungsträger gemacht. Dort arbeite ich jetzt und kann damit weiter mit den Teilnehmenden arbeiten, mit denen ich angefangen habe.

Nachhaltig Perspektiven schaffen

Martin: Ich kenne aus eigener Erfahrung nur die medizinische Reha nach einer überstandenen OP. Neben der Wiedererlangung von körperlicher Gesundheit geht es dabei natürlich, zumindest aus Sicht der Rentenversicherung, vor allem um den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Ist die berufliche Rehabilitation damit vergleichbar?

Johanna: Na ja, wenn man es so betrachtet, dass es darum geht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, dann kann man es schon vergleichen. Leistungsfähigkeit ist da ein Stichpunkt, der bei beidem eine Rolle spielt. Ich bin als Pädagogin natürlich keine Ärztin, und auch keine Psychologin. Trotzdem spielen die Beeinträchtigungen oder das, was die Menschen mitbringen, in der Dynamik eine Rolle. Das heißt, wenn sich jemand zum Beispiel schwer konzentrieren kann, dann wird natürlich daran auch gearbeitet. Also wie kann man zum Beispiel die Konzentrationsdauer ausbauen. Aber es ist eher so, dass dafür andere zuständig sind.

M: Ein Unterschied liegt sicher auch darin, dass eine medizinische Reha aus einem kurzfristigen Ereignis herrührt und eine berufliche Reha einerseits auf eine längere Dauer ausgerichtet ist und andererseits in länger bestehenden Problemen begründet liegt.

J: Ja, es geht letztendlich auch um Nachhaltigkeit; also eine Perspektive in Bezug auf das Arbeitsleben zu finden. Die Teilnehmenden bei uns auch dafür auch Zeit, sie können bis zu zwei Jahre bleiben. Im Anschluss können sie auch weitere Begleitung erhalten oder die Betriebe finanziell unterstützt werden.

M: Das heißt, wenn Menschen zu euch kommen, ist nicht akut etwas vorgefallen. Es ist eher eine grundsätzliche Situation, die die berufliche Rehabilitation bedingt.

J: Richtig. Bei uns ist die Agentur für Arbeit der Auftraggeber. Bei kurzfristigen Sachen sind eher die Rentenversicherungsträger zuständig.

M: Also wird den Menschen quasi von Seiten der Agentur für Arbeit “aufgetragen” zu euch zu gehen? Was sind das für Personen?

J: So funktioniert es. Es ist tatsächlich sehr unterschiedlich, wer zu uns kommt. Das ist das schöne und schwierige gleichzeitig. Wir haben eine super heterogene Gruppe, es gibt auch keine Altersbegrenzung. Unser jüngster Teilnehmer ist aktuell 16, der älteste Mitte 30. Wir hatten aber auch schon ältere. Frauen und Männer mit verschiedenen Beeinträchtigungsbildern, vor allem aber viele mit Lernschwierigkeiten. Die Agentur ordnet sie in den Grenzbereich zwischen Lern- und geistiger Behinderung oder ein. Wir haben aber auch Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen, zum Beispiel eine, die nur noch sehr sehr wenig sehen kann.

M: Wie stellt die Agentur für Arbeit das fest?

J: Die Teilnehmenden müssen vorher alle zum ärztlichen Dienst ein Gutachten machen lassen. In Ausnahmefällen ist es auch ausreichend, wenn der behandelnde Arzt eine Stellungnahme abgibt.

M: Und diese stehen dann mit dem Ziel der regulären Beschäftigung vor deiner Tür. Wie sieht das ideale Ende aus, wenn deine Arbeit erledigt ist? Wo steht der Mensch dann?

J: Der Mensch hat dann einen festen Arbeitsplatz, bei dem sich alle Seiten freuen, dass man täglich zur Arbeit zusammen kommt. Der oder die Teilnehmende bekommt ein Gehalt auf das Konto, mit dem er oder sie sich selbständig finanzieren kann.

M: Wie sehen dann die ersten Schritte aus, um dieses Ziel zu erreichen?

J: An erster Stelle steht natürlich das Kennenlernen: wer kommt da eigentlich und was kann die Person? Was sind Stärken, Interessen und Fähigkeiten? Wo sind aber auch Unterstützungsbedarfe? Jemand mit einer psychischen Beeinträchtigung braucht einfach eine andere Begleitung bei der Einarbeitung als jemand, der nur länger braucht um sich Abläufe und Dinge zu merken. Das muss man herausfinden und dafür muss man in eine Beziehung kommen. Wer sitzt denn da? Wo soll’s hingehen? Was will die Person?

M: Wie kommen die passenden Unternehmen ins Boot wenn klar ist, dass diese Teilnehmerin besonders gut im Handwerklichen oder im Organisieren ist?

J: Die werden klassisch durchtelefoniert. Es gibt aber auch ein paar Betriebe, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten. Es geht dann darum herauszufinden, wie das in der Praxis funktionieren kann. Ist überhaupt ein Interesse da? Dann schaut man, dass man über ein Praktikum den Einstieg in den Betrieb bekommt. Das sieht konkret so aus, dass man viele viele Anrufe und Bewerbungen auf den Weg bringt. Manchmal gelingt es, manchmal eben auch nicht auf Anhieb einen Betrieb zu finden. Mit dem Praktikum haben die Teilnehmenden dann die Chance, sich einzuarbeiten und sich zu beweisen.

M: Das heißt, du gehst aktiv auf die Suche nach einem potenziellen Arbeitgeber.

J: Ja, genau.

Vermitteln auf Basis von Vertrauen

Martin: Ich stelle es mir jetzt so vor, dass du quasi die Vermittlerin zwischen Teilnehmenden, die gern arbeiten wollen, und den Arbeitgebern bist.

Johanna: So sieht es aus. Wobei ich natürlich schon sicherstelle, dass ich nicht über deren Köpfe hinweg agiere. Ich begleite das Bewerbungsschreiben der Teilnehmenden, viele haben einfach auch schon ein Problem damit, anzurufen und zu fragen “Kann ich ein Praktikum machen?” Da ist es natürlich dann auch so, dass ich durchaus Dinge abnehme. Ich versuche aber grundsätzlich, die Leute so viel wie möglich selbst machen zu lassen. Es gehört eben einfach auch dazu und es bringt nicht viel, sie vor Misserfolgen zu schützen oder abzuschirmen. Ich fühle zum Teil schon bei den Betrieben vor, es geht aber eben auch darum, die Erfahrungen zu machen.

M: Und wenn es dann zum Praktikum kommt, bist du auch dabei? Oder sitzt du bei dir im Büro und hörst dir danach an, wie es lief?

J: Nein, ich bin da mit dabei. Das richtet sich natürlich nach dem individuellen Bedarf. Manche finden das auch richtig blöd, wenn ich am Anfang mitkomme. Gerade in der Einarbeitung bin ich aber häufig in den Betrieben dabei und im Anschluss auch regelmäßig, meist einmal pro Woche. Da kläre ich dann Fragen, helfe bei Schwierigkeiten oder schaue, wo man noch etwas nachjustieren kann.

M: Und wenn es ein Problem gibt? Wer würde aus deiner Erfahrung damit eher zu dir kommen: Teilnehmende oder Arbeitgeber?

J: Bei mir persönlich sind es letztlich die Teilnehmenden, das möchte ich jetzt aber nicht generalisieren. Betriebe wenden sich natürlich auch an mich, wenn es Probleme gibt, aber dann ist es meistens auch schon zu spät. Da sind die Betriebe dann schon so weit, dass sie es beenden wollen. Die Teilnehmenden kommen dann schon eher rechtzeitig zu mir.

M: Vielleicht, weil sie dafür auch schon sensibilisierter sind?

J: Na sie kennen mich einfach besser als die Ansprechpartner:innen aus den Betrieben. Das ist dann vermutlich eine Vertrauenssache.

M: Vermutlich ist das für die Arbeit auch unerlässlich, dass zwischen dir und den Teilnehmenden ein Vertrauensverhältnis besteht?

J: Im Idealfall ist das so, ja.

M: Und wie oft kommt der Idealfall vor?

J: Wenn ich mal zurückblicke, ist es eher die Mehrheit, wo es ein gutes Vertrauensverhältnis gibt. Das liegt vielleicht auch an dieser wertschätzenden Art von mir. Die Leute wissen, dass es okay ist, zu mir zu kommen, und dass ich dann auch bei ihnen bin. Aber das ist natürlich nicht immer so. Auch da ist es so, dass die Teilnehmenden Familie, Freunde, Bekannte um sich haben und sich in einem eigenen Kosmos bewegen. Wenn es dann so ist, dass es im Betrieb mal nicht funktioniert, dann sagen Menschen von außen oft “Ja aber du kannst ja jetzt nicht erstmal ein halbes Jahr ein Praktikum machen, die beuten dich doch nur aus! Da bist du viel zu schade für!”

M: Das ist ja auch ein beliebtes Geschäftsmodell, das ewige Praktikum.

J: Ja, das ist natürlich ein Thema. Unsere Maßnahme ist ja aber genau darauf ausgelegt, die Teilnehmenden erhalten ein Ausbildungsgehalt. Es ist nicht so, dass sie dort für umsonst arbeiten. Aber das ist das Ding mit der Reha. Um es vielleicht mit einem Beispiel zu erklären: in einem Betrieb, in dem Paletten oder Kartons gepackt werden und dann regelmäßig Paletten und Kartons wieder ausgepackt werden müssen, weil aufgrund eines Fehlers nochmal nachgezählt werden muss, dann ist es betriebswirtschaftlich klar, dass die Betriebe sagen: “Es muss erst funktionieren, bevor wir jemanden dafür bezahlen.”

Es macht jemand also erstmal “mehr” Arbeit, bevor er eine Entlastung für den Betrieb ist. Das ist die andere Seite, die im Mikrokosmos vielleicht nicht so bekannt ist. Dass es eben noch Probleme gibt und die Arbeit nach einem halben Jahr noch nicht so läuft, dass es sich für einen Betrieb lohnt.

M: Klar, Einarbeitungszeit ist überall erst mal eine Zeit, in der man investieren muss. Und gerade bei den von dir erwähnten Lernschwierigkeiten dauert es eben ein wenig, bis gewisse Prozesse und Abläufe so weit erlernt sind, dass die gewünschten Ergebnisse erzielt werden.

M: Wo wir eben beim Stichwort “ideal” waren: hast du ein Beispiel für einen Idealfall, einen mustergültigen Verlauf? Also wo relativ schnell klar war, dass für die Teilnehmende X der Betrieb Y genau der richtige ist.

J: Ehm… ne… tatsächlich nicht. So ideal wirklich gar nicht, die meisten sind tatsächlich zwei Jahre bei uns und haben ein bisschen was ausprobiert. Es gibt zum Beispiel eine Teilnehmerin, bei der es insofern ideal verlaufen ist, als dass es der richtige Betrieb ist; allerdings nicht als reguläre Arbeit. Bei uns nennt sich das betriebsintegrierte Arbeit, da ist der Arbeitgeber eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Der Betrieb ist ein “ganz normaler” Betrieb, in dem die Teilnehmende super glücklich ist. Für sie ist das total stimmig und passend. Sie hat den Druck, dass sie total viel leisten muss, nicht mehr und dadurch geht es ihr deutlich besser. Das empfinde ich auch als Erfolg, weil wir für jemanden etwas gefunden haben, mit dem er sich wohl fühlt. 

M: Das ist ja leider etwas, dass viele andere Menschen in ihrem Beruf nicht haben. Dass sie eben nur etwas machen, was ihnen keine Freude bereitet. 

J: Das ist gerade in diesem Bereich, wenn jemand psychisch belastet ist, sehr wichtig, dass dieser Druck etwas zu schaffen raus kommt. Es ist Wahnsinn, wie genesen sie mittlerweile von all ihren Belastungen ist, weil sie dort jetzt diesen Ort hat. Ein anderer Teilnehmer, der auch zwei Jahre bei mir war, hat am Ende ganz allein einen Arbeitsplatz gefunden. Da habe ich gar nichts mehr mit zu tun gehabt. Er ist quasi flügge geworden, hat das total super alleine hingekriegt und ist dort auch immer noch sehr glücklich. 

Barrierefrei ist auch die Rehabilitation nicht

Martin: Du hast es im Vorgespräch schon angedeutet und eben auch schon anklingen lassen: das ist nicht der Standardfall, dass es vom Beginn der Reha bis zur gelungenen Integration in den Arbeitsmarkt ohne Probleme läuft. Welche Barrieren gibt es auf diesem Weg?

Johanna: Ich möchte das unterteilen: es gibt einerseits die institutionellen Barrieren auf Betriebsseite und andererseits die Barrieren, die sich Menschen mitunter selbst in den Weg stellen. Ein Faktor ist zum Beispiel, dass Menschen zu uns oft direkt nach der Schule kommen. Das sind dann nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern die sind gerade mal 16.Und wusstest du mit 16 schon, was du machen willst? Warst du da schon nah dran am Arbeitsleben? Da sind einfach ganz andere Dinge im Fokus. Da geht es dann nicht darum, in reguläre Arbeit zu finden, sondern ums reisen, sich entwickeln und auszuprobieren. Eben nicht darum, so schnell wie möglich einen Job zu finden. 

M: Warum kommen sie dann zu euch? Oder viel mehr, wieso setzt sie die Agentur für Arbeit bei euch vor die Tür?

J: Die Agentur hat gar nicht so viele Möglichkeiten, was sie diesen Menschen anbieten kann. Bei uns vor Ort ist es tatsächlich auch so, dass die Reha-Berater bei der Agentur sagen: “Ich weiß gar nicht wohin mit ihnen. Guckt mal, was ihr machen könnt.”

M: Fehlt da vielleicht auch etwas, um erst mal ein wenig Zeit sinnvoll zu überbrücken? Also ich war für ein Jahr AuPair in Frankreich, viele Freunde und Bekannte machen zunächst ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr.

J: Genau, für viele ist der Einstieg ins Berufsleben einfach zu früh. Da wird dann leider auch schon der Weg vorgezeichnet. Das sind Menschen, die von Förderschulen kommen, denen dort bereits der Weg in die Werkstatt geebnet wird. Wenn diese dann aber lieber etwas ausprobieren wollen, sagt die Agentur nur “dann probieren wir es mit unterstützter Beschäftigung, aber wenn das nicht klappt, geht’s in die Werkstatt.”

Eine:n Siebzehnjährige:n in so einer SItuation ins Arbeitsleben zu begleiten, ist dann ein wenig scheinheilig. Der Gang in die Werkstatt wird als Scheitern empfunden. Es ist einfach auch nicht besonders verlockend, in die Werkstatt zu gehen, allein schon wegen des Finanziellen. Sie arbeiten und sind trotzdem ein Leben lang auf Hartz-IV-Niveau.

Aus diesem geschlossenen System wieder rauszukommen und in die normale Arbeitswelt einzusteigen, ist fast unmöglich. Aber zumindest hier im regionalen Bereich sind die betriebsintegrierten oder ausgelagerten Arbeitsplätze im Kommen. Da sitzen die Menschen wenigstens nicht mehr in geschlossenen Räumen nur unter sich, sondern eben in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Der Status “Rehabilitand” bleibt aber bestehen, das bedeutet, dass nicht genügend Leistungsfähigkeit  für die reguläre Arbeit vorhanden ist.

M: Bleibt das Problem der geringen Bezahlung in dem Fall bestehen?

J: Ja. Es ist ein wenig mehr, weil die Betriebe ein zusätzliches Entgelt zahlen, das liegt aber im Minimalbereich. 

Und wer ist Schuld, wenn es nicht klappt?

Martin: Du hast vorab bereits gesagt, dass die Arbeitgebenden ein großes Problem sind. Es fehlt die Bereitschaft, Menschen mit Behinderung einzustellen. Ist das die größte Barriere bei deiner Arbeit?

Johanna: Aus meiner Perspektive ja. Ich erlebe da wirklich wenig Bereitschaft, sich auf diese Situation einzulassen. Oft wird nur das Gewissen beruhigt, indem man Praktikumsplätze für Menschen mit Behinderung anbietet. Nach den zwei Wochen sollen die Praktikant:innen dann aber bitte wieder gehen. Das merkt man bereits im Umgang oder im Gespräch mit den Teilnehmenden.

In Vorstellungsgesprächen wird oft ganz selbstverständlich mit mir gesprochen, obwohl die Teilnehmenden neben mir sitzen – sie werden einfach übergangen. Mittlerweile habe ich aber Strategien entwickelt, um in solchen Situationen dann die Teilnehmenden einzubinden. Aber das ist nur ein Aspekt. In Gesprächen wird sehr viel darüber geredet, was alles nicht funktioniert. Da merkt man einfach auch die fehlende Bereitschaft, die Arbeitsplätze entsprechend anzupassen.

Vielleicht am Beispiel des Einzelhandels: die Verkäufer:innen müssen Ware verräumen, an der Kasse sitzen, im Lager arbeiten usw., sie müssen flexibel einsetzbar sein. Diese Flexibilität können die Teilnehmenden bei uns häufig nicht leisten. Viele Betriebe können sich einfach nicht vorstellen, dann Personen einzustellen, die eben nur einen Teil der Arbeiten erledigen.

M: Das Problem ist also, dass Betriebe nach wie vor versuchen, eine vorhandene Stelle zu besetzen. Im Zweifel muss dann der:die Arbeitnehmer:in also auf die Stelle angepasst werden. Die Lösung dafür wäre entsprechend, anhand der Fähigkeiten die Stelle zu gestalten?

J: Genau, und das ist irgendwie super schwierig für die Betriebe. Die brauchen da ganz viel an-die-Hand-nehmen, das funktioniert manchmal auch nur über finanzielle Förderungen.

M: Wie kann man es abseits von finanziellen Anreizen schaffen, dass geeignete Stellen geschaffen werden?

J: Meiner Erfahrung nach funktioniert das am besten über die Beziehungen und das wiederum funktioniert am besten über ein dauerhaftes Praktikum. Wenn die Kolleg:innen, die Menschen, dir dort arbeiten, eine Person erst mal kennen gelernt und vielleicht auch ins Herz geschlossen haben, oder sich vielleicht auch nur an die Person gewöhnt haben, dann wird es einfacher. 

M: Und in der Realität? Bleibt der ideale Weg, wie Du ihn zu Beginn auch beschrieben hast eher die Ausnahme?

J: Wenn ich es mir ehrlich und realistisch angucke, dann bleibt das leider tatsächlich die Ausnahme.

M: Das heißt es bleibt nur der Weg in die Werkstatt bzw. in die integrierte Anstellung.

J: Genau, oder was auch häufig vorkommt, ist dass der Vorgang einfach abgebrochen wird. Da ist dann nicht klar, was passiert ist oder wie es weitergeht, da sind wir dann auch raus und bekommen nichts mehr mit. Schlussendlich führt das dann in die Arbeitslosigkeit.

M: Vorab meintest Du bereits, dass Du Dich in der Situation dann ein Stück weit verantwortlich gemacht fühlst. Diejenige, die nicht genug gemacht hat. Die nicht genug versucht hat. Die irgendwas übersehen hat. Was macht das mit Dir?

J: Ich glaube, dass es in meinem Job super wichtig ist Privilegien zu checken. Sich immer wieder in die Position der Teilnehmenden und ihrer Eltern hineinzuversetzen. Ich muss mir klar machen, dass ich in einer Stellung bin, die eine gewisse Macht hat. Das kann eine Dynamik auslösen, aus der so etwas entsteht, dass man die blöde Kuh ist. Das geht mir schon nah. Es lässt mich nicht kalt.

Ich habe auch den Anspruch an mich, das gut zu machen. Es ist mir nicht egal, was mit den Menschen passiert. Auch wenn sie sich daneben benehmen, sie sind mir nicht egal. Und dann solche Kritik zu hören, das tut weh. Aber letztlich bin ich auch nur ein Mensch und kann mich daher nicht davon freimachen, vielleicht auch mal ein Potenzial nicht erkannt zu haben.


Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal, liebe Johanna, für dieses offene und ehrliche Gespräche. Mir wurde deutlich, wie sehr Du für deinen Beruf brennst und ich wünsche Dir sehr, dass Du auch weiterhin vor allem von guten Erfahrungen berichten kannst.

Und nun bist du gefragt, liebe:r Leser:in – Wie hat Dir das Interview gefallen? Sind noch Fragen offen geblieben?
Kennst Du jemanden oder bist selbst ein Mensch, der unbedingt hier vorgestellt werden soll?

Schreib mir doch zum Beispiel auf Twitter an @HerrSchienbein. Wie Du mich sonst erreichen kannst, habe ich Dir unter Kontakt aufgeschrieben.

Bild: canva