Wie ich zum Leidwesen meines Chefs die Prioritätenfrage klärte

Es wird sich etwas ändern. Es MUSS sich etwas ändern. Das war in dem Moment klar, als feststand: Ich werde Vater. Dass die Änderungen aber so umfangreich sein würden, konnte ich nicht ahnen. Anlässlich des Vatertags möchte ich zurückblicken.

Aber zunächst etwas vorab: Ich bin mir der Privilegien, die diesem Text zugrunde liegen, bewusst. Einige davon fußen auf Zufall oder Glück, andere sind erarbeitet. Es lässt sich nicht alles beeinflussen. Manche Privilegien kann und muss man sich verdienen, dafür dann aber gegebenenfalls einen Preis zahlen.

Du, ich oder beide?

Nachdem klar war, dass wir ein Kind erwarten, stellte sich sehr schnell die übliche Frage: Wie wollen wir es mit der Elternzeit handhaben? Für mich stand fest, dass ich auf jeden Fall mehr als die üblichen zwei Monate komplett zu Hause sein wollte. Genauso wusste ich aber, dass ich danach nicht mehr 40 Stunden pro Woche arbeiten will. Meine Frau wollte definitiv bis mindestens Jahresende zu Hause bleiben. Damit entwickelten wir den Plan, zunächst für vier Monate gemeinsam den Weg ins neue Familienleben zu gehen. Anschließend sollte ich in Teilzeit mit 25 Stunden wieder arbeiten und später auch meine Frau.

Anfang 2019 lud mich mein Chef zu einem persönlichen Gespräch. Grundsätzlich sollte es dabei um den weiteren Verlauf des Jahres gehen. Für März war bei mir eine OP angesetzt und es war schon absehbar, dass ich im Anschluss eine Reha machen würde. Die größte Veränderung war jedoch für den Mai angekündigt: Da sollte mein Kind zur Welt kommen. Ich habe schon seitdem der Plan stand (und damit deutlich vor dem Gespräch) klar kommuniziert, dass ich nach der Geburt erst einmal in Elternzeit gehen würde. Der Kündigungsschutz bestand so lange vor der Geburt natürlich noch nicht, mir war es aber wichtig, dass mein Chef und die Kollegen schon wissen, was auf sie zukommt. Wenn ein Mitarbeiter über den gesamten Sommer fehlt, hat das schließlich auch Auswirkungen auf die Urlaubsplanung…

Im Laufe des Gesprächs sagte mein Chef folgenden Satz, der mich lange beschäftigt hat:

“Herr Schienbein, ich frage mich folgendes: Zwischen all den Dingen, die Sie so machen – welche Priorität hat eigentlich die Firma?”

Zugegebenermaßen weiß ich nicht mehr, wie ich in dem Moment reagiert habe. Vermutlich ist direkt die Maschine im Kopf angesprungen, die genauestens evaluiert hat, wie meine Prioritäten verteilt sind. Anders als manche Kollegen habe ich sehr gern davon erzählt, wenn ich meine Familie in Thüringen besucht habe, für die Brettspielmeisterschaft trainiere oder wieder ein komplettes Wochenende mit einem ehrenamtlichen Theaterprojekt verbracht habe. Warum auch nicht? Ich habe mich schließlich auch dafür interessiert, mit was für Menschen ich zusammen arbeite und was sie so beschäftigt.

Die Intention hinter der Frage wurde noch im selben Gespräch deutlich:

“Muss denn Teilzeit wirklich sein? Meine Frau und ich haben auch beide 40 Stunden gearbeitet und das ging auch.”

Dass das funktioniert, bezweifelt vermutlich niemand.
Wenn es muss, dann geht es.
Aber muss es?

Wenn man es sich leisten kann, muss das nicht sein. Der Schritt in die klassische Rollenverteilung mit dem Mann als Ernährer kam für mich nicht in Frage, der Teilzeit-Plan stand. Das musste auch mein Chef schließlich einsehen. Mit der Elternzeit-Anzeige stand es schwarz auf weiß: Vier Monate komplett zu Hause und dann „nur“ Teilzeit. Ich bin sogar einen Schritt weiter gegangen und habe meine Elternzeit und die damit einhergehende Teilzeitarbeit bis zum zweiten Geburtstags meines Kindes angezeigt – möglich wären bis zu drei Jahre.

Ich habe übrigens bewusst nicht das Wort “Antrag” verwendet. Ein Antrag ist für mich etwas, das abgelehnt werden kann. Wer seine Elternzeit anmeldet oder anzeigt, erklärt damit allerdings etwas, das nur in wenigen Fällen abgelehnt werden kann. In meinem Fall nicht, das hatte ich lange genug erörtert.

Ich möchte Euch jetzt nicht mit den kleinen Reibereien, Diskussionen und Schikanen aufhalten, die anschließend folgten. Mit jedem Kommentar wurde mir allerdings deutlich, dass ich nicht bereit dafür war, ab dem Moment des Vaterwerdens tagein tagaus für Akzeptanz und vielleicht sogar für ein bisschen Anerkennung und Rücksicht zu kämpfen. Erwartet wurde, dass sich die Familie der Firma unterzuordnen habe.
Das kam für mich nicht in Frage.

Meine Antwort: Die Familie hat oberste Priorität.

Die schon erwähnte Reha kam und tatsächlich erblickte noch während der Reha mein Kind das Licht der Welt. Damit ging ich direkt aus der Reha in die Elternzeit, ohne noch einmal in die Firma zurückzukehren. Das tat ich nur noch ein mal: Als ich im Sommer meine Kündigung einreichte.

Seitdem steht die Familie an erster Stelle. Alles weitere, seien es Hobbies, Freunde oder Arbeit, muss sich unterordnen. Mit dieser Einstellung bin ich nach den vier Monaten Eltern-Vollzeit zu meinem jetzigen Arbeitgeber gewechselt. Gelockt wurde ich in der Stellenanzeige mit „Berlins schönstem Sonnenaufgang“. Bekommen habe ich darüber hinaus ein familiäres Büro, in dem Teilzeitarbeit bis ca. 30 Stunden der Normalfall ist. Ich arbeite nur 15 Stunden pro Woche, also sogar weniger als ursprünglich geplant. Wie bereits eingangs gesagt, ist das sicher nicht für jeden eine Option. Am Ende des Monats landet dadurch auch kein Top-Manager-Gehalt auf meinem Konto, aber es ist ausreichend für unseren selbst gewählten Lebensstil.

Obendrein befindet sich jetzt deutlich mehr Zeit auf meinem Konto: Für meine Familie, für den Schritt in die nebenberufliche Selbständigkeit und spannende Projekte wie diesen Blog.

Ich bin mir sicher, dass ich nie im Leben eine bessere Antwort auf eine Frage gegeben habe.

Okay, außer vielleicht bei meiner Hochzeit… Aber das ist ein anderes Thema 😉